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Kilometer, ist das nicht ein wenig weit?
Kathrin: es kommt immer drauf an wie man unterwegs ist. Zu Fuss
ist es bestimmt nicht jedermanns Sache. Kaum jemand kann sich
vorstellen, wie weit dies ist. Nicht einmal wir hatten eine Ahnung
wie viel 1000 oder 2000 Kilometer zu Fuss sind. Zuhause zogen wir
auf dem Atlas Linien, die in etwa den 4277 Kilometern entsprachen
und landeten von der Schweiz aus irgendwo in Afghanistan oder die
Linie reichte vom Nordkap nach Kairo.
Andreas: Wenn man es genau nimmt, waren es ja um die 4500
Kilometer, da wir immer wieder den Trail verliessen um zu unseren
Versorgungspaketen zu gelangen. Erstaunlich ist für mich, wie weit
man zu Fuss kommen kann. Wir mussten an jedem Wandertag 35 km
weit marschieren, um es in den 160 Tagen von Grenze zu Grenze zu
schaffen.
Wie
fühlt man sich nach 160 Tagen oder 5½ Monaten in der Wildnis?
Andreas: Wir waren zwar 5½ Monate draussen beim Wandern und
Zelten, doch ein halbes Dutzend Mal genossen wir den Luxus eines
Hotels, wenn wir den Trail verliessen, um ein Versorgungspaket
abzuholen.
Kathrin: Für mich war es eine wunderbare Erfahrung, mit wie wenig
man auskommt. Wir hatten vom Essen, Kleidern und einem Zelt über
dem Kopf immer alles dabei und genossen die völlige Unabhängigkeit
von der Zivilisation.
Mit
welchen Gefahren wart ihr konfrontiert?
Andreas: Da denk ich lieber nicht zurück (lacht). Ich glaube es
waren nicht unbedingt die Bedrohungen, an die man im ersten Moment
denkt, die für uns brenzlig wurden. Eher sehe ich da
Kleinigkeiten, die sehr unangenehm hätten werden können: Ein
deftig verstauchter Fuss und man liegt erst mal flach. Oder man
überlastet seine Bänder und Sehnen. Am meisten beeindruckten mich
die vielen vereisten, steil abfallenden Schneefelder, die wir
während der ganzen Wanderung bis in den Herbst hinein queren
mussten. Trotz der Eisaxt, die wir mittrugen, hätte ich keines
runterrutschen wollen.
Was
waren denn die Bedrohungen, an die man als erstes denkt?
Kathrin: Bären, Schlagen, Lawinen, Schneestürme, Ertrinken,
Verdursten, Hitzschlag und Silberlöwen.
Silberlöwen?
Andreas: Wir kennen sie hier eher als Pumas oder Berglöwe. Sie
werden um die 150cm gross, mit Schwanz sind es nochmals 80cm mehr.
Wir haben ihre Spuren immer wieder gekreuzt, doch zu Gesicht
gekriegt haben wir leider nie einen.
Kathrin: Die Bären sind da berechenbarer, oft sahen wir sie bevor
sie uns entdeckten und dann muss man halt zurück oder warten, bis
sie davon getrottet sind.
Wie
seid ihr auf die Idee gekommen den weltlängsten Trail zu wandern?
Andreas: Drauf
gekommen sind wir auf unserer Weltreise, als wir in Kalifornien
unterwegs waren. Wir stöberten eine Werbebroschüre der Trails auf
uns
liessen
uns Unterlagen in die Schweiz senden. Als wir nach vier Jahren
endlich wieder in die Heimat gelangten, erwartete uns ein satter
Packen Informationen und das Reisefieber packte uns von neuem….
Wie
sah eure Vorbereitung aus?
Andreas: Wir
surften was das Zeug hielt im Internet herum, und fanden
wunderbare Angaben zu den Schnee- und Niederschlagsverhältnissen,
konnten uns ein Bild machen von den einzelnen Etappen, fanden
heraus, welches die geeignetsten Orte für die Versorgungspakete
sind und lernten allerlei über das Verhalten bei einer Begegnung
mit Bären.
Kathrin: Kurz vor
Abreise waren wir beinahe täglich auf dem Vitaparcours oder
joggten über Stock und Stein.
Andreas: Doch da
zweifle ich noch immer, ob das die klügste Vorbereitung war, denn
unsere Rücken- und Schultermuskulatur vernachlässigte dieses
Training wirklich sträflich.
Worin liegt die
Motivation immer weiterzumachen?
Andreas: Jeder,
wirklich jeder Tag ist ein Erlebnis und birgt eine Überraschung.
Ich glaubte, dass wir beispielsweise in Oregon wochenlang durch
immer gleiche Wälder wandern würden, doch ich staunte unentwegt,
wie abwechslungsreich die Natur ist und wie sie sich in den
Details unterscheidet. Es verging nicht ein Tag, den ich missen
wollte. Von mir aus hätte der Trail nochmals 160 Tage dauern
können, mir wäre es nicht langweilig geworden.
Kathrin: Mit ging
es ebenso, ausser, dass ich am Ende schon ausgebrannt war und
nicht nochmals so lange durchgehalten hätte.
Waren nebst ihnen
Kathrin nur Männer unterwegs?
Kathrin: Beinahe.
Wir stellten einmal eine Liste von den Leuten zusammen, denen wir
begegneten und kamen auf etwa 80 Personen. Von diesen waren nur
fünf Frauen, und lediglich zwei schafften es von Grenze zu Grenze.
Andreas: Ich habe
mal gehört, dass 300 Wanderer im gleichen Jahr gestartet sein
sollen. Irgendwo zwischen 40 und 80 sind in einem Rutsch
durchgekommen.
Wieso muss man
oder frau die ganze Strecke in einem Jahr wandern?
Kathrin: Das muss
niemand. Es gibt zahllose Etappenwanderer, die seit Jahren dabei
sind den ganzen PCT kennen zu lernen.
Andreas: Für uns
war von Anfang an klar, dass wir nicht die Zeit und auch nicht das
Geld hätten um die Strecken in zwei oder drei Sommern zu
marschieren. Die Vorbereitung ist zu enorm, dass man das öfter
machen will und ein Flug wird einem ja auch nicht gerade
geschenkt.
Ihr sprecht von
der enormen Vorbereitung der Versorgungspakete. Wie habt ihr das
hingekriegt?
Kathrin: Bei einer
Cousine konnten wir die Einkäufe erledigen. Dann galt es die
ganzen Esswaren in
dreissig
Pakete zu verpacken, genau auf die einzelnen Etappen abgestimmt,
zu verschnüren, zu beschriften, zu wägen und zu frankieren. Meine
Cousine sandte uns nach einem exakten Zeitplan die Pakete an die
verschiedenen Verpflegungsorte.
Andreas: Damit wir
wussten, wie viel in jedes Packet gepackt werden muss, erstellten
wir lange Listen, auf denen grammgenau aufgeführt war, was in
welches Paket kommt. Wir mussten also von Anfang an bestimmen, wie
viel Essen uns in fünf Monten zur Verfügung stehen wird. Uns war
somit genau festgeschrieben, wie lange wir von Etappenort zu
Etappenort unterwegs sein können.
Dachtet ihr nie
ans Aufgeben?
Andreas: Nein, ans
Aufgeben sicherlich nicht. Ich rechnete uns eine Chance von 30%
aus, dass wir durchkommen. 50% dass wir einen
Fuss
kaputt machen, 10% dass wir nicht fit genug wären und 10% dass
etwas Schlimmeres passieren würde.
Kathrin: Es gab
Momente, da verfluchte ich die Marschiererei im weichen Sand oder
im hüfthohen Schnee. Auch war der schwere Rucksack derweilen schon
viel zu schwer. Aber die Erfahrungen die wir machten und die
unendlich schönen Begegnungen und Landschaftseindrücke trieben
mich stets weiter und es hätte schon schlimmer kommen müssen,
damit ich wirklich ans Aufgeben gedacht hätte.
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Kilometer, ist das nicht ein wenig weit?
Kathrin: es kommt immer drauf an wie man unterwegs ist. Zu Fuss
ist es bestimmt nicht jedermanns Sache. Kaum jemand kann sich
vorstellen, wie weit dies ist. Nicht einmal wir hatten eine Ahnung
wie viel 1000 oder 2000 Kilometer zu Fuss sind. Zuhause zogen wir
auf dem Atlas Linien, die in etwas den 4277 Kilometern entsprachen
und landeten von der Schweiz aus irgendwo in Afghanistan oder die
Linie reichte vom Nordkap nach Kairo. Uns nütze es nur wenig, dass
wir auf einer Probewanderung quer durch die Schweiz unsere
Ausrüstung und Kondition testeten, das ist in etwa so, wie wenn
man einen Hundertmetersprint mit einem Marathon vergleicht.
Andreas: Wenn man es genau nimmt, waren es ja um die 4500
Kilometer, da wir immer wieder den Trail verliessen um zu unseren
Versorgungspaketen zu gelangen. Erstaunlich ist für mich, wie weit
man zu Fuss kommen kann. Mir gingen oft die Siedler durch den
Kopf, die vor bald 200 Jahren mit Ihren Wagen, Rindern und ganzen
Hab und Gut quer durch die Staaten reisten. Ohne Landkarten, ohne
gesicherte Wege, ohne Versorgungspakete. Dies dauerte manchmal
einige Jahre, andere schafften es aber in erstaunlich kurzer Zeit.
Wir hatten vielerlei Vorteile, einigermassen gute Ausrüstung,
geniale Witterungsbedingungen und eine recht gute Idee von dem was
uns Woche für Woche erwarten würde. Trotzdem mussten wir an jedem
Wandertag 35 km weit kommen um es in den 160 Tagen von Grenze zu
Grenze zu schaffen.
Wie
fühlt man sich nach 160 Tagen oder 5½ Monaten in der Wildnis?
Andreas: Wir waren zwar 5½ Monate draussen beim Wandern und
Zelten, doch ein halbes Dutzend mal genossen wir den Luxus eines
Hotels, wenn wir jeweils die Pakete abholen gingen.
Kathrin: Für mich war es eine wunderbare Erfahrung, mit wie wenig
man auskommt. Wir hatten vom Essen, Kleidern und einem Zelt über
dem Kopf immer alles dabei und genossen die völlige Unabhängigkeit
von der Zivilisation. In der Sierra Nevada wurde es mir manchmal
schon ein wenig mulmig, wenn ich daran zurückdenke, dass wir
derweilen zwei, drei Tage benötigt hätten um in einem Notfall
Hilfe zu erreichen. Gottlob gab es dort keine Klapperschlangen
mehr, für mich die grösste Gefahr während des ganzen Trails.
Mit
welchen Gefahren wart ihr sonst noch konfrontiert?
Andreas: Da denk ich lieber nicht zurück (lacht). Ich glaube es
waren nicht unbedingt die Bedrohungen, an die man im ersten Moment
denkt, die für uns brenzlig wurden. Eher sehe ich da
Kleinigkeiten, die sehr unangenehm hätten werden können: Ein
deftig verstauchter Fuss und man liegt erst mal flach. Das Essen
kann man ja noch irgendwie strecken, doch wenn kein Wasser in der
Nähe ist muss dein Partner irgendwo welches organisieren. Und das
kann schon mal – wenn es dumm läuft - zwanzig oder dreissig
Kilometer weiter weg sein. Oder man überlastet seine Bänder und
Sehnen, mit Entzündungen ist nicht zu spassen. Wir waren ein paar
Mal nahe daran deswegen unser Tempo zu verlangsamen oder zu
pausieren. Am meisten beeindruckten mich die vielen vereisten,
steil abfallenden Schneefelder, die wir während der ganzen
Wanderung bis in den Herbst hinein queren mussten. Trotz der
Eisaxt, die wir mittrugen, hätten ich keines runterrutschen
wollen.
Was
waren denn die Bedrohungen, an die man als erstes denkt?
Kathrin: Bären, Schlagen, Lawinen, Schneestürme, Ertrinken,
Verdursten, Hitzschlag und Silberlöwen.
Silberlöwen?
Andreas: Wir kennen sie hier eher als Pumas oder Berglöwe. Sie
werden um die 150cm gross, mit Schwanz sind es nochmals 80cm mehr.
Wir haben ihre Spuren immer wieder gekreuzt, doch zu Gesicht
gekriegt haben wir zum Glück nie einen.
Kathrin: Sie können zwar Hirsche reissen, doch Menschen sollen sie
nur selten angreifen und dann gehen sie eher auf Kinder. Ich habe
einmal gelesen, er könne aus dem Stand acht Meter weit springen,
da hat man gar keine Chance wegzukommen. Doch ich hatte viel mehr
Respekt vor den Klapperschlangen, denen wir sehr oft begegneten.
Wir hatten immer wieder unsere liebe Mühe sie zu umgehen, wenn sie
uns den Weg versperrten.
Andreas: Die liegen natürlich immer da, wo der Weg am schmalsten
ist und man keine Chance hat, um sie herumzugehen. Sie reagieren
herzlich wenig auf Schritte und Trampeln. Wenn man einmal mit
ihnen konfrontiert ist, gehen sie auf Abwehrhaltung, rasseln wie
wild mit Ihrer Klapper und verdrücken sich nicht wie andere
Schlangen ins Gebüsch. – Die Bären sind hingegen berechenbarer,
oft sahen wir sie bevor sie uns entdeckten und dann muss man halt
zurück oder warten, bis sie davon getrottet sind. Sie haben
eingentlich mehr Schiss vor uns als wir vor ihnen und waren längst
in den Bäumen oder im Unterholz verschwunden, wenn sie uns zuerst
entdeckt hatten.
Kathrin: Trotzdem muss man das Essen beim Campen immer in die
Bäume hängen, da sind sie gar nicht zimperlich, wenn sie etwas
geschnüffelt haben. Einen PCT Wanderer haben sie mitsamt dem Zelt
davon gezerrt, weil er meinte, auf seinem Proviant schlafen zu
müssen. – Die Schneestürme hielten sich bei uns zum Glück in
Grenzen und verdurstet sind wir auch nicht. Dafür haben wir auch
endlos schwere Rucksäcke getragen, einmal meinten wir zwanzig
Liter Wasser einen Berg hochtragen zu müssen. Wäre es am andern
Tag, wo wir abends eine Quelle erreichten, auch so heiss
geblieben, hätten wir vielleicht alles gebraucht, doch das Wetter
kippte um, und wir frohren uns den Hintern ab und benötigten nicht
einen Viertel von dem, was wir mitschleppten. – Die Flüsse und
Bergbäche, ich glaube in der Sierra waren es mal acht Stück an
einem Tag, furteten wir stets zu zweit. Ausser wenn Andreas wieder
einmal ein Foto von mir schiessen wollte, als mir das eisige
Schmelzwasser bis zu den Hüften reichte…
Wie
seid ihr auf die Idee gekommen den weltlängsten Trail zu wandern?
Andreas: Der
Pacific Crest Trail ist der längste zusammenhängende Trail der
Welt um genau zu sein. Es gibt in Nordamerika noch weitere Trails,
die länger sind, aber nicht als durchgehender Weg von A nach B
führen. Drauf gekommen sind wir auf unserer Weltreise, als wir in
Kalifornien unterwegs waren. Wir stöberten eine Werbebroschüre des
Trails auf uns
liessen
uns Unterlagen in die Schweiz senden. Als wir nach vier Jahren
endlich wieder in die Heimat gelangten, erwartete uns ein satter
Packen Informationen und das Reisefieber packte uns von neuem….
Kathrin: Zwei
Freunde waren vor Jahren auf dem John Muir Trail, der auf einem
kurzen Stück parallel zum PCT verläuft, unterwegs. Ihre Dias und
Erzählungen von der fantastischen Landschaft und Wildheit der
Natur gaben uns dann den Kick das Projekt ernsthaft in Angriff zu
nehmen.
Wie
sah eure Vorbereitung aus?
Kathrin: (Überlegt
lange und schmunzelt) Stümperhaft!
Andreas: Halt
halt, so mies war sie nun auch wieder nicht. Wir surften was das
Zeug hielt im Internet herum, und fanden wunderbare Angaben zu den
Schnee- und Niederschlagsverhältnissen, konnten uns ein Bild
machen von den einzelnen Etappen, fanden heraus, welches die
geeignetsten Orte für die Versorgungspakete sind und lernten
allerlei über das Verhalten bei einer Begegnung mit Bären.
Natürlich verzettelten wir uns auch in den Tausenden Rastschlägen,
welches nun die ultimative Ausrüstung und der beste Trail Food
sein könnte.
Kathrin: Und wir
waren kurz vor Abreise beinahe täglich auf dem Vitaparcours oder
joggten über Stock und Stein.
Andreas: Doch da
zweifle ich noch immer, ob das die klügste Vorbereitung war, denn
unsere Rücken- und Schultermuskulatur vernachlässigte dieses
Training wirklich sträflich. Unsere Beine waren zwar fit und wir
hatten damit am wenigsten Probleme, aber der Rucksack brachte uns
beinahe schon am ersten Tag um. Wir meinten nur das
allernotwendigste dabei zu haben, lernten aber sehr bald, wie viel
unnützen Krempel wir mitschleppten, und glücklicherweise
entledigten wir uns später von je 12 Pfund Ausrüstung. Die Martern
in den Schultern waren zeitweise nur mit Schmerztabletten
auszuhalten. Auch die
Füsse
waren der grossen Hitze Südkaliforniens nicht gewachsen. Ich
erinnere mich daran, dass ich nachts zum Pinkeln raus musste. Doch
ich brachte es nicht fertig auf meine Latschen zu stehen und so
kroch ich auf den Knien zum nächsten Baum.
Worin liegt die
Motivation immer weiterzumachen?
Andreas: Jeder,
wirklich jeder Tag ist ein Erlebnis und birgt eine Überraschung.
Ich glaubte, dass wir beispielsweise in Oregon wochenlang durch
immer gleiche Wälder wandern würden. Doch ich staunte unentwegt,
wie abwechslungsreich die Natur ist und wie sie sich in den
Details unterscheidet: Mal waren es die Schmetterlinge die ihr
Aussehen änderten, dann die Gestalt und Höhe der Bäume, dann
wieder der Lichteinfall der vom kalten blauweiss am Mittag zum
braunen Warm des Abends änderte oder die Varietät der
Gesteinsformen, die vom puderfeinen Wüstensand zum scharfkantigen
Geröll der Vulkane im Norden reichte. Es verging nicht ein Tag,
den ich missen wollte. Von mir aus hätte der Trail nochmals 160
Tage dauern können, mir wäre es nicht langweilig geworden.
Kathrin: Mit ging
es ebenso, ausser, dass ich am Ende schon ausgebrannt war und
nicht nochmals so lange durchgehalten hätte. – Witzig waren
bestimmt auch die zahlreichen Mitwanderer, denen man vereinzelt
auf dem Trail, aber immer wieder bei den Versorgungsorten
begegnete. Da waren schon ulkige Typen dabei, zum Beispiel einer,
der mir mal sagte, „I love to punish my body“, also er liebe es,
sich und seinen Körper zu strafen. So machte es ihm nichts aus,
mal 24 Stunden am Stück zu wandern, oder Nacht für Nacht ohne
Matte und Zelt zu schlafen. Oder ein anderer ersparte sich das
Gewicht einer Landkarte, wobei er dann regelmässig die
Wasserstellen verpasste und gezwungen war 60 oder 70 km am Stück
zu wandern, bis er endlich welches fand. Erfreulicherweise gab es
aber auch noch normale Hiker, solche die nur ihre geschiedene Frau
vergessen wollten oder andere, die beim Militär aus irgendwelchen
Gründen rausgefault waren und sich nun selber etwas beweisen
wollten. Wir trafen auch Naturfreeks, die über jeden Strauch und
jede Fliege etwas zu berichten wussten, doch durch ihre
Beobachtungen waren sie eindeutig zu langsam um in einem Rutsch
nach Kanada zu gelangen.
Waren nebst ihnen
Kathrin nur Männer unterwegs?
Kathrin: Beinahe.
Wir lernten während diesem halben Jahr nur Stephanie aus Seattle,
die ältere Annie, die flippige Katie, Lia, die mit Andy unterwegs
war und Shannon, die schon nach ein paar Wochen aufgab, kennen.
Wir stellten einmal eine Liste von den Leuten zusammen, denen wir
begegneten und kamen auf etwa 80 Personen. Von diesen waren wie
gesagt nur fünf Frauen, und lediglich Stephanie und Lia schafften
es von Grenze zu Grenze.
Andreas: Ich habe
mal gehört, dass 300 Wanderer in gleichen Jahr gestartet sein
sollen. Irgendwo zwischen 40 und 80 haben es in einem Rutsch
geschafft. Im Jahr zuvor waren es lediglich 6 Stück, denn die
miserablen Schneeverhältnisse verhinderten ein Durchzukommen. So
sammelten sich im Sommer darauf die Wanderer buchstäblich an, um
es erneut zu versuchen. Da es ein Prachtsjahr war, gelang auch so
vielen die ganze Wanderung. Unterwegs sind übrigens zu 99%
US-Amerikaner. Soweit ich informiert bin, waren wir nebst zwei
Deutschen, drei Norwegern und einem Engländer die einzigen
Ausländer.
Wieso muss man
oder frau die ganze Strecke in einem Jahr wandern?
Kathrin: Das muss
niemand. Es gibt zahllose Etappenwanderer, die seit Jahren dabei
sind den ganzen PCT kennen zu lernen. Daneben eignen sich auch
viele Strecken für Kurzwanderungen von drei bis acht Tagen. Für
uns war von Anfang an klar, dass wir nicht die Zeit und auch nicht
das Geld hätten, die Strecken in zwei oder drei Sommern zu
marschieren. Die Vorbereitung ist zu enorm, dass man das öfter
machen will und ein Flug wird einem ja auch nicht gerade
geschenkt.
Andreas: Da wir
alles in einem Rutsch wandern wollten waren wir auch ziemlich im
Stress, denn uns waren nur fünf, maximal sechs Monate Zeit
vorgegeben. Zu früh kann man im Frühling nicht starten, denn in
den San Gabriel Mountains und all den anderen Gebirgen im Süden
Kaliforniens liegt bis in den Sommer hinein der Schnee. Durch die
High Sierra kommt man vor Mitte Juni auch kaum, auf jeden Fall
nicht in einem vernünftigen Tempo. Somit kann man erst ende April
starten. Im September und Oktober muss man sich dann sputen, damit
man vor dem Winteranfang (der begann bei uns am 25. September) ans
Ziel gelangt.
Ihr sprecht von
der enormen Vorbereitung der Versorgungspakete. Wie habt ihr das
hingekriegt?
Kathrin: Wir
hatten das Glück, dass eine Cousine in den USA lebt. Dort nisteten
wir uns für eine gute Woche ein und durchforsteten die
Supermärkte. Als wir unsere vollbeladenen Wägelchen, die in
Amerika fast so gross wie VW Käfer sind, an die Kasse schoben,
fragte uns eine Verkäuferin, ob wir für ein Lager einkaufen
würden. Dann galt es die ganzen Esswaren in dreissig Pakete zu
verpacken, genau auf die einzelnen Etappen abgestimmt, zu
verschnüren, zu beschriften, zu wägen und zu frankieren. Meine
Cousine sandte uns nach einem exakten Zeitplan die Pakete an die
verschiedenen Verpflegungsorte.
Andreas: Damit wir
wussten, wie viel in jedes Packet gepackt werden muss, erstellten
wir lange Listen, auf denen grammgenau aufgeführt war, was in
welches Paket kommt. Wir wogen Reis, Nudeln, Trockenfreisch und so
weiter ab und schmierten Salz, Öl, Nutella, Senf und Zucker und
vielerlei mehr in Plastiksäckchen. Wir mussten also von Anfang an
bestimmen, wie viel Essen uns in fünf Monten zur Verfügung stehen
wird. Uns war somit genau festgeschrieben, wie lange wir von
Etappenort zu Etappenort unterwegs sein können. Zwischendurch
versuchten wir in den winzigen Orten, wo wir Nachschub erhielten,
unseren Speiseplan mit Frischwaren zu bereichern, doch waren die
Geschäfte, falls es überhaupt welche gab, meist nur sehr
spartanisch ausgerüstet und boten nichts weiter als Chips und
Süssigkeiten. Wären sie gut ausgerüstet gewesen, hätte dies unser
Leben auch nicht vereinfacht, denn wo kann man 28 Gramm Salz, 550
Gramm Nudeln, zweieinhalb Ohrenstäbchen oder 40 cm Klebeband, wie
wir es in unsere Pakete packten, kaufen?
Dachtet
ihr nie ans Aufgeben?
Andreas: Nein, ans
Aufgeben sicherlich nicht. Ich rechnete uns eine Chance von 30%
aus, dass wir durchkommen. 50% dass wir einen Fuss kaputt machen,
10% dass wir nicht fit genug wären und 10% dass was Schlimmeres
passieren würde.
Kathrin: Es gab
Momente, da verfluchte ich die Marschiererei im weichen Sand oder
im hüfthohen Schnee. Auch war der schwere Rucksack derweilen schon
viel zu schwer. Aber die Erfahrungen die wir machten und die
unendlich schönen Begegnungen und Landschaftseindrücke trieben
mich stets weiter und es hätte schon schlimmer kommen müssen,
damit ich wirklich ans Aufgeben gedacht hätte. |